Dienstag, 17. Juli 2018

Warum Abbiegeassistenzsysteme keine Leben retten werden

Wurde auf den Autohof Geiselwind an Lkw-Fahrer verteilt. Broschüre für mehr Verständnis im Straßenverkehr. Schade dass solche Sachen immer nur Lkw Fahrern in die Hand gedrückt werden und nicht denen, die es wirklich brauchen könnten, z.B. Radfahrer und Fußgänger (Bild: Icke)
Es ist natürlich schön, wenn unser Bundesverkehrsministerium gemeinsam mit dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat e.V.(DVR) in einer hübsch bebilderten Broschüre für mehr gegenseitiges Verständnis auf deutschen Straßen wirbt. Auf 24 bunten Seiten wird auch der intellektuell schwächsten Kerze auf der Torte anschaulich verklickert, warum Lkw beim Abbiegen ausscheren müssen, was ein Toter Winkel ist und wofür Begrenzungen der Geschwindigkeit und Mindestabstände wohl gut sind. Ich frage mich bloß, warum man diese Heftchen auf einem Fernfahrerstammtisch an Fuhrleute verteilt...?

Reden wir doch mal über den Begriff der Verkehrskompetenz. Mal kurz nachdenken. Wer etwa ein Leichtkraftrad (Mofa) im Straßenverkehr bewegen möchte, muss in einer theoretischen Prüfung seine (nur rudimentären) Kenntnisse über den Straßenverkehr nachweisen. Er darf dieses Fahrzeug nur mit einem entsprechenden Kopfschutz (Helmpflicht) fahren und neben der begrenzten Motorleistung (max. 25 km/h und max. 50 ccm Hubraum) darf das Fahrzeug nur über einen Sitzplatz verfügen. Klingt vernünftig - ist es auch.

Und nun reden wir mal über Radfahrer. Wer sich etwa ein Pedelec zulegt, kann damit elektrisch unterstützt bis zu 25 km/h erreichen, mit Muskelkraft kann ein Radfahrer erheblich schneller fahren. Gut trainierte Zeitgenossen schaffen auf gerader Strecke locker 50 km/h, bergab werden die sportlichen Kollegen oft wesentlich schneller. Bleiben wir beim sportlichen Pedelec. Das darf Mutti nämlich sogar mit einem Kindersitz ausrüsten und mit Filius und Filiae ohne Helmpflicht lustig und locker und kreuz und quer durch die Landschaft radeln ohne auch nur jemals von einem toten Winkel oder auch nur einer einzigen Verkehrsregel gehört zu haben. Klingt unvernünftig - ist es auch.

Diese Überlegung brachte mich dazu, einmal über den Begriff der Verkehrskompetenz nachzudenken. Eigentlich müsste doch jeder Teilnehmer am Straßenverkehr, sei es nun per Kfz, Fahrrad oder per pedes, eine gewisse Mindestanforderung an das Verständnis des Straßenverkehrs und seiner Regeln erfüllen. Und mit Schrecken stelle ich fest, dass sich in Deutschland mit dem Ende des 7. Sinns die Verkehrserziehung lediglich noch auf Kindergarten und Grundschule beschränkt, während kein Mensch auch nur eine Sekunde oder einen Euro investiert um die Verkehrskompetenz von Fußgängern, Radfahrern, Skatern und anderer Hasardeure im öffentlichen Verkehrsraum zu verbessern.

Man kann es auch etwas überspitzen: So lange sich sportlich-dynamische Muttis auf Inlinern mit Racing-Kinderwagen-Sport-Buggys im Stadtverkehr Highspeedrennen mit den dynamisch-sportlichen Muttis auf Fahrrädern mit Kindersitz quer durch den urbanen Raum liefern und solange Oma Schmitt frisurschonend helmlos auf einem Pedelec mit 25 km/h ebenso durch den Berufsverkehr zischt ohne jemals auch nur eine Verkehrsregel gelernt zu haben, so wie der 97 jährige Demenzpatient, der die Regeln zwar irgendwann mal kannte aber längst vergessen hat wofür man Gas und Bremse braucht, ist jede Diskussion um Assistenzsysteme an Lkw nichts als heiße Luft und blinder Aktionismus.

Wir erleben wieder einmal Symbolpolitik erster Güte. Hauptsache noch ne Regel aufgestellt, noch ein Gesetz erlassen und noch mehr elektronisches Gezampel an die Lastwagen gebaut. Und im Zweifel ist sowieso am Ende immer der Fuhrmann schuld. Dabei wären Untersuchungen der Fahrtauglichkeit bei Menschen ab 70 ebenso wichtig wie eine Helmpflicht für Radler und eine verkehrstheoretische Prüfung für alle motorisierten Verkehrsteilnehmer, egal ob man mit dem Dreirad, dem Fahrrad, Pedelec, Segway oder Hoverboard unterwegs ist. Dann und nur dann kann man gegenseitiges Verständnis unter den vielen unterschiedlichen Verkehrsteilnehmern entwickeln, alles andere ist Bla. Schade, dass man in Europa noch nicht so weit ist...