Sonntag, 13. Januar 2019

Die anonyme Wut in der Blechkiste

Bild: www.BlickReflex.de  / pixelio.de
Nun habe ich schon längere Zeit nichts mehr geschrieben. Das lag daran, dass ich weder Zeit noch Muse zum Schreiben fand. Heute habe ich immer noch keine Zeit und ebenso wenig Muse, muss aber mal wieder was los werden. Heute geht es um Aggressionen im Straßenverkehr. Autobahn ist nämlich irgendwie so wie Internet, nur in tödlich.

Jeder, der sich einmal mit dem psychologischen Aspekt des Fahrens beschäftigt hat weiß, dass das Führen eines Fahrzeugs im menschlichen Gehirn einen hoch komplexen Vorgang darstellt. In jeder Sekunde muss unser Gehirn hunderte weitreichende Entscheidungen treffen, oft entscheiden Sekundenbruchteile über Leben und Tod. Wir müssen das Fahrzeug bedienen, den richtigen Weg finden, besondere Witterungsbedingungen wie Regen, Schnee oder Eis berücksichtigen, fahrphysikalische Grenzen einhalten, Verkehrsregeln beachten und außerdem mit anderen Verkehrsteilnehmern gleichzeitig im stetig wachsenden Verkehrsaufkommen klar kommen.

Dabei läuft gerne mal das Hörbuch im Radio und oftmals befindet sich in der linken Hand noch die Zigarette oder der Kaffeebecher während die rechte Hand das Smartphone hält weil wir noch schnell die letzten Nachrichten einsehen müssen. Und bei all dem haben wir die charakterlichen Unzulänglichkeiten und Störungen in der Persönlichkeitsentwicklung so wie von der Natur ggf. vernachlässigte Körperpartien, wie das männliche Glied, noch nicht einmal berücksichtigt.

Wer kann da von sich behaupten, niemals einen Fahrfehler zu machen? Hinzu kommt, dass  Verkehrsteilnehmer alle ungleiche Voraussetzungen mitbringen. Manche sind völlig tiefenentspannt während andere total unter Zeitdruck stehen. Es gibt die Friedliebenden, die Dummen, die Aggressiven und die Weisen. Es gibt stärkere und schwächere Verkehrsteilnehmer, erfahrene und unerfahrene Fahrer, manche sind sportlich und fit und andere älter und langsamer, vielleicht sogar behindert oder anderweitig eingeschränkt.

Aber all das sehen wir nicht, wenn wir anonym in unserem Blechkisten sitzen und innerlich und äußerlich rasend vor Wut und Geschwindigkeit durch das Land sausen. Wir sitzen in unseren blechernen Isolationskammern, die Musik läuft und die Welt bleibt draußen während die physikalische Erfahrung der Geschwindigkeit fehlt. Kaum ein Geräusch dringt in das moderne mobile Refugium, kein Wind im Gesicht zeigt uns, wie sich 240 km/h anfühlen. Wir sehen im Auto vor uns keine Menschen, wir sehen nur einen Wagen der uns behindert, uns in unserer Freiheit, die wir meinen zu haben, einschränkt. Mit anderen Worten sehen wir vor uns einen bösartigen Penner.

Und bei all dem ist Autofahren so wunderbar anonym. Niemandem muss man in die Augen schauen. Weil man nicht direkt miteinander kommunizieren kann verstehen wir die Beweggründe für das Verhalten der anderen nicht. Im besten Fall geben wir Gas und sehen den anderen nie wieder. Die Menschen in den Autos sehen wir ebenso wenig wie die anderen Menschen, die im Internet. Deswegen sind die Umgangsformen in den öffentlichen Netzwerken auch ähnlich rau wie auf der Straße. Ein Klick und man kann den Kriegsschauplatz verlassen. Und genau wie im Internet zeigt sich in der vermeintlichen Anonymität erst das wahre Gesicht so manches Zeitgenossen. Im Auto fühlen sie sich alle stark.

Jedenfalls hat sich im Supermarkt noch niemand an mir vorbei gedrängelt in dem er mich mit seinem Einkaufswagen aus der Reihe schiebt, mich beleidigt und mir dabei den Mittelfinger zeigt. So was passiert einem nur im Internet oder auf der Autobahn. Überall da, wo (manche) Menschen keine Repressalien befürchten, benehmen sie sich wie die Axt im Walde. Dabei sind Anzeigen und Bußgelder auch keine Lösung. Die meisten Verfahren würden ohnehin eingestellt. Ich denke, dass wir einfach eine ganz neue und intensive Art der Verkehrserziehung brauchen damit sich das Gegeneinander auf den Straßen wieder in ein Miteinander verwandeln kann. Vielleicht sollten wir aber auch einfach unsere Gesellschaft mal ein wenig entschleunigen?

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