Samstag, 11. Mai 2019

Würdest du 350 Tonnen Zyankali über Deutschland verteilen?

Rauchen ist schon ein toller Genuss. Erst wenn man raucht, kann man tatsächlich das Beste aus jedem Moment herausholen. Sagt zumindest die Werbung. Die Zigarettenindustrie suggeriert uns, dass, wer auf der Straße mit jungen Frauen herumalbert, praktisch unwiderstehlich auf die Damen wirkt, wenn man dabei nur eine qualmende und stinkende Zigarette in der Fresse hat. Und mit so einem Glimmstängel in der Schnute tanzt es sich mit Inge, Betty oder Lulu sogar im Regen ganz wunderbar durch die urbane Welt unserer Tage, will man etwa der Werbung eines US-Kippenproduzenten glauben.


 Seit dem HB-Männchen der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts übertreffen man sich die Werbeabteilungen der Zigarettenindustrie mit nichtssagenden und hohlen Phrasen über Freiheit, Genuss und Coolness. Und scheinbar sprechen darauf immer noch eine ganze Menge Menschen an. Dabei ist die Schädlichkeit für den eigenen Körper, den eigenen Geldbeutel und die lieben Mitmenschen hinlänglich bekannt. Was mir in der ganzen Argumentation aber viel zu kurz kommt sind die stillschweigend hingenommenen aber gravierenden Folgen der Umweltverschmutzung.

 Dabei handelt es sich nicht nur um ein paar Kippen, die irgendjemand mal irgendwann achtlos aus dem Fenster des Autos geworfen hat. Die Situation ist deutlich brisanter. Um die Folgen zu verstehen müssen wir über zwei Dinge reden. Erstens die Menge an Zigarettenkippen, die in der Umwelt landen, zweitens über das, was darin ist und was es bewirkt. Fangen wir mit einer kleinen Hochrechnung an. In Deutschland gibt es rund 20 Millionen Raucher. Legen wir einen durchschnittlichen Verbrauch von 25 Zigaretten zugrunde, erzeugen diese Raucher 500 Millionen Kippen pro Tag. Macht im Jahr 182.500.000.000 (182 Milliarden Zigarettenstummel. Weltweit schätzt man, das jährlich rund 4,5 Billionen Zigarettenstummel anfallen. Allein in Berlin liegen nach einer Untersuchung der TU Berlin aus dem Jahr 2014auf einem Quadratkilometer Freifläche durchschnittlich 2,7 Millionen Kippen. Wie ekelhaft!

In den Zigarettenfiltern sammelt sich bestimmungsgemäß ein Großteil der im Tabakrauch enthaltenen Schadstoffe, vor allem Nikotin. Daneben können in gebrauchten Zigarettenfiltern_noch Arsen, Blei, Chrom, Kupfer, Cadmium, Formaldehyd, Benzol, Nitrosamine und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) enthalten sein. Sicher, eine Kippe lässt die Welt nicht untergehen. Aber Billionen Kippen jedes Jahr? Der Zigarettenfilter aus Celluloseacetat zersetzt sich erst nach Jahren. Obwohl der Filter selbst nicht giftig ist, können diese Filter bis zu 50 % des im Zigarettenrauch enthaltenen Teers zurückhalten und folglich später an die Umwelt abgeben. Hinzu kommen die weiteren im Zigarettenrauch enthaltenen Stoffe, die in verschiedenen Anteilen im Filter bleiben sowie die im Resttabak enthaltenen Tabakzusatzstoffe. Belastet werden hauptsächlich Gewässer.

 Aus einem Stummel können durch Regen rund zwei Milligramm Nikotin in Böden und Gewässer gespült werden. Und jetzt wissen wir aus der Schule, dass eine Million Milligramm 1 Kilogramm ergeben. Eine Million Kippen befördern also zwei Kilogramm Nikotin in die Umwelt. Eine Milliarde Kippen setzen 2 Tonnen Nikotin frei. Das heißt allein für Deutschland, dass 180 Milliarden Kippen so rund 360 Tonnen Nikotin in die Umwelt einbringen. Die tödliche Dosis Nikotin liegt für einen erwachsenen Menschen bei circa einem Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Damit ist Nikotin giftiger als Arsen oder Zyankali. Niemand kommt auf die Idee, 350 Tonnen Zyankali flächendeckend über Deutschland zu verteilen. Aber die Verteilung von Nikotin soll der Nichtraucher gefälligst tolerieren?

 Nikotin ist besonders für höhere Tiere so giftig weil es die Ganglien des vegetativen Nervensystems blockiert. Reines Nikotin wurde früher im Pflanzenschutz als Pestizid gegen saugende oder beißende Insekten (unter anderem Blattläuse) eingesetzt. Für Pflanzen ist der Stoff gut verträglich und zudem biologisch gut abbaubar. Aufgrund der hohen Toxizität besteht für Nikotin jedoch seit den Siebziger Jahren ein absolutes Anwendungsverbot.  Trotzdem erlauben wir Rauchern und deren unsäglicher Industrie, dieses Gift (und rund 70 weitere Giftstoffe) jedes Jahr tonnenweise in die Umwelt zu transportieren und gleichzeitig wundern wir uns über die abnehmende Biodiversität und das Artensterben, besonders bei Insekten. Und hier hören Verständnis und auch die stets geforderte Toleranz für das Rauchen dann schlagartig auf. Richtig lustig wird es, wenn Raucher dann auch noch fordern, auf Platiktüten zu verzichten. Es ist schon verrückt, was Sucht mit dem menschlichen Gehirn alles anstellen kann.

 Die Zahlen sprechen für sich. Man muss kein Ökofaschist sein, um zu erkennen, dass der Zigarettenkonsum in unserer zunehmend zerstörten Welt an blanken Wahnsinn grenzt. Natürlich kann ich mit ein wenig Zigarettengeruch leben aber ich muss doch nicht taten- und kommentarlos zusehen, wie die Zigarettenindustrie und ihre Raucher meinen Lebensraum systematisch und nachhaltig vergiften, nur weil Sven-Rüdiger frei sein will und deshalb mit Betty oder Lulu bei Regenwetter mit einer Zigarette in der Fresse durch die Stadt tanzen muss. Muss ich nicht!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Na sauber!